Friedhofskultur

Ein besonderes Zeugnis der Trauer- und Erinnerungskultur

Die Friedhofskultur umfasst ein breites Themenspektrum, in dessen Mittelpunkt die würdevolle Bestattung Verstorbener steht. Schon seit Menschengedenken ist der Friedhof ein ganz besonderes Zeugnis der Trauer- und Erinnerungskultur. Friedhöfe und die damit verbundene Kultur, sind keine Erfindung der Neuzeit, sondern lassen sich als Ritus bis in die vorchristliche Zeit zurückverfolgen. Aus dem Studium der biblischen Schriften wissen wir, dass die würdevolle Bestattung der Toten von Beginn an ein zentraler Bestandteil des christlichen Glaubens und seiner religiösen Kultur war.

Grabstätten als Zeitzeugen

Grabstätten gehören zu den Kultstätten, die zu den ältesten überlieferten Zeitzeugen gehören. Bereits zu Beginn der Steinzeit begannen die Menschen, mit unterschiedlichen kulturellen Handlungen, ihre Angehörigen zu bestatten. Feste Bestattungswesen haben ihren Ursprung zu Beginn der Hochkulturen und insbesondere in Ägypten entwickelte sich ein spezieller Totenkult. Aber auch in anderen Regionen entstanden spezielle Bestattungsformen, die hierzulande zu einer speziellen Friedhofskultur führten.

Einzelgrabstein

Friedhöfe als Teil der Kirche

Die klassische Grabstätte mit Grabstein und Bepflanzung hat sich seit Jahrhunderten bewährt. Der erste große Umbruch innerhalb der Friedhofskultur begann in Deutschland etwa ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Bis zu dieser historischen Epoche waren die Friedhöfe immer direkt an den Kirchhof angeschlossen. Der Friedhof befand sich damit stets im Ortskern. Doch dann begann die Verlagerung der Grabstätten an die Peripherie der Orte – oder sogar außerhalb der besiedelten Gebiete einer Stadt.

Der zweite große Wandel hat begonnen

Heute gehören Friedhöfe nicht nur zu den Ruheorten für Verstorbene, sondern nehmen insbesondere in Großstädten die Funktion einer Begegnungsstätte und einer innerstädtischen Ruheoase ein. Unsere stark begrünten Friedhöfe sind feste Bestandteile einer christlich ausgerichteten Begräbniskultur, denn Grabschmuck wie auch Gedenksteine bestimmen das Aussehen unserer Grabfelder. Und doch verändert sich die Kultur noch immer. Heute erleben wir als Zeitzeugen den zweiten großen Wandel im Bereich der Friedhofskultur. In den letzten Jahren nimmt die Zahl der Urnenbestattungen und der anonymen Bestattungen dramatisch zu.

Völlig unterschätzt: Bedeutung der Grabstätte

Die postmoderne Gesellschaft unterschätzt die Bedeutung einer individuellen Grabstätte! Kein Mensch wird anonym geboren oder lebt ohne Namen, warum sollten Menschen also mit ihrer persönlichen und gelebten Biografie in einem anonymen Grab die letzte Ruhe finden? Viele Angehörige bereuen es im Nachhinein bitter, die anonyme Art der Bestattung für ein Mitglied ihrer Familie gewählt zu haben. Leider ist diese Entscheidung im Nachhinein nicht mehr zu revidieren. Erst zu spät wird vielen Menschen bewusst, dass ihre Trauer durch diesen verhängnisvollen Beschluss heimatlos geworden ist. Die anonym bestatteten, geliebten Menschen scheinen wie ausgelöscht – es bleibt eine große Lücke.

Ein Grab ist viel mehr als eine würdige letzte Ruhestätte

Die Grabstätte ist auch ein Symbol für den guten Platz, den ein Mensch im Herzen seiner Angehörigen und Freunde sogar nach seinem Tod einnimmt. Gleichzeitig ist es der letzte Dienst, den die verwitweten Ehepartner, die Kinder oder andere Verwandte einem geliebten Familienmitglied erweisen können. Ein Grab ist ein deutliches Symbol dafür, dass die Verstorbenen weder in der Gemeinschaft der Familie, noch allgemein in der Gesellschaft vergessen oder verstoßen sind. Der Friedhof ist ein besonderer Ort, er ist ein Ort zum Trauern, an dem die Hoffnung auf das ewige Leben und ein Wiedersehen nach dem Tode plötzlich lebendig werden. Ein Grabmal ist das sichtbare und innige Zeichen für die Verbundenheit der Lebenden mit den Verstorbenen.

Die kostbare Erinnerungskultur

Der traditionelle Friedhof hat eine helfende und heilende Wirkung auf das Leben der Trauernden. Dieser Ort hilft dabei, die Trauer zu verarbeiten und gleichzeitig die wertvolle Erinnerung an den Verstorbenen wach und lebendig zu halten. Der Grabstein, die Pflanzen sowie Blumen auf dem Grab sind wie sichtbar gewordene Gebete und gute Wünsche. Dieser Platz inmitten des „umfriedeten = geschützten Hofes“ ist ein wenig ein Ort zwischen den Welten. Hier verbindet sich das Diesseits mit dem Jenseits. Eine angemessene Grabstätte ist eine Quelle der Kraft für die Trauernden. Und auch von den Generationen, die nach uns kommen, wird dieses Kulturerbe dankbar aufgenommen werden.

Die Renaissance der klassischen Friedhofskultur

Gegen den Trend zur anonymen Bestattung ist eine Zunahme des Interesses an der traditionellen Bestattungskultur und an liebevoll gestalteten, individuellen Grabstätten zu verzeichnen. Denn wenn nur noch die Erinnerung lebt, dann bilden Grabmale einen konkreten, weil erlebbaren Ort der Trauer. Sie sind räumliche und zugleich ideelle Plätze, um die Toten zu ehren und der eigenen Trauer tröstend zu begegnen.

Seebestattungen und andere Alternativen

Wenngleich sich die traditionelle Friedhofskultur auch heute noch weitestgehend durchsetzt, ist eine Tendenz zu Alternativen erkennbar. Nach wie vor wollen Hinterbliebene ihre Angehörigen würdevoll bestatten, doch nicht immer soll es eine klassische Erdbeisetzung sein. Seebestattungen gewinnen immer mehr an Bedeutung, denn die Voraussetzungen dafür wurden in den vergangenen Jahren gelockert. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war eine Seebestattung nahezu ausschließlich Verstorbenen vorbehalten, die an Bord eines Schiffes verstarben oder der Marine angehörten. In der heutigen Zeit hat die Nachfrage nach Urnenbestattungen zugenommen und der Trend zur Einäscherung wächst weiter. Seit Mitte der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts ist es hierzulande rechtens, als Alternative zur klassischen Friedhofsbeisetzung eine Seebestattung zu wählen. Die Asche des Verstorbenen wird in einer besonderen Seeurne jenseits der Drei-Meilen-Zone ins Meer gelassen. Besondere Grabfelder, in denen kein Wassersport betrieben werden darf und auch nicht gefischt wird, sind die Bestattungsorte. Im Mittelmeer, dem Atlantik, aber auch in der Nord- und Ostsee finden sich zahlreiche Gebiete, die für Seebestattungen ausgewiesen sind.

In einigen Bundesländern müssen Angehörige eine solche Bestattungsform behördlich genehmigen lassen und oft wird der Nachweis verlangt, dass der Verstorbene einen besonderen Bezug zum Meer hatte. Alle, die eine solche Bestattungsform bevorzugen, sollten idealerweise zu Lebzeiten eine entsprechende Verfügung abfassen.

Feuerbestattungen und Urnen

Feuerbestattungen beinhalten die Einäscherung Verstorbener in Krematorien. Die Beisetzung erfolgt in einem speziellen und verplombten Urnengefäß, das zur Beisetzung meist in eine Schmuckurne eingebracht wird. Der Verstorbene sollte mit einer frühzeitigen Erklärung diesen letzten Willen bestätigen, da sonst Angehörige über die Form der Bestattung verfügen dürfen. Nicht nur leicht zu pflegende Urnengräber stehen für diese Bestattungsform zur Verfügung, sondern auch anonyme Gräber, die ohne eine Grabplatte versehen sind.

Bild: Urnengrab

Geht die Friedhofskultur in Deutschland bei jungen Menschen verloren?

Die Alternativen zur klassischen Bestattung sind beliebt und werden von heranwachsenden Generationen oft bevorzugt. Verbrennungen, Urnengräber, Seebestattungen und viele weitere Varianten kommen für sie in Frage. Als Argument werden die unterschiedlichsten Gründe genannt. Etwa die Aussage, dass im eigenen Zuhause in der Regel genug Erinnerungsgegenstände vorhanden seien und ein Zurückziehen dort noch besser möglich wäre. Hartgesottene führen an, dass der Mensch schließlich verstorben sei und es egal wäre, ob die Natur im Sarg ihren Verlauf nehme oder gleich eine Verbrennung stattfinde. Eine nicht zu verachtende Mehrheit führt schlichtweg die Kosten als Argument für Urnenbestattungen an.

Ebenso bleibt zu bezweifeln, ob die aktuelle Diskussion der Kirchen und ihr Verhalten gegenüber ausgetretenen Mitgliedern der Friedhofskultur förderlich ist. Denn wer aus der Kirche ausgetreten ist, dem kann theoretisch eine Beerdigung auf einem kirchlichen Friedhof verweigert werden.

Alternative Bestattungen – ein besorgniserregender Trend?

Der Trend zu alternativen Bestattungsarten wird von vielen Förderern der Friedhofskultur mit Besorgnis wahrgenommen. Es scheint, als entstehe hier ein loser Zusammenschluss aus Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, dieses Kulturgut zu stärken. Für sie sind schön angelegte Gräber und liebevoll gestaltete Grabsteine besonders wichtig – auch auf zwischenmenschlicher Ebene. Denn eine Grabstätte ist nicht nur ein Ort des Abschieds, sondern auch ein Ort der Kommunikation für die Hinterbliebenen mit den Verstorbenen.

Toller Bericht: „Grabsteine: Was im Leben wichtig war“

Peter Kunz beschreibt in seinem Artikel auf wz-newsline.de sehr schön, wohin die Reise geht: Der Friedhof zeigt, was den Verstorbenen wichtig war und was die Hinterbliebenen daher in deren Sinne auf dem Grabstein betonen. Zwar dominieren immer noch christliche Symbole wie das Kreuz. Doch der gesellschaftliche Wandel, so der Autor, erreiche den Friedhof „und provoziert die Frage: Spielt Jesus nur noch die zweite Geige?“

Das mag der Eine oder Andere als Provokation sehen. Doch die Individualisierung von Grabsteinen ist deutlich zu spüren. Selbst der Engel als Leitmotiv wird immer seltener eingesetzt. Auf einem Grabstein kann sehr schön gezeigt werden, was dem Verstorbenen am Herzen lag. Das kann ein liebevolles Tier sein, eine Harley oder etwas ganz anderes. Und das ist das besondere und wichtige am Friedhof: Er ist eine Stätte der Erinnerung. „… immer häufiger als der Beruf ist es die Berufung, die da betont wird. Wie bei Heinrich, der, so steht es gemeißelt, mit Leib und Seele Platzwart bei seinem Sportverein war. Oder Hans-Dieter, dessen Leidenschaft durch das Abbild eines Anglers verewigt wurde.“